Neidenburg

Die Auswertung des Fragebogens zu Neidenburg von Pfarrer Otte:
Teil 1
Fußnote 1
In heute üblicher Schrift:

R.B. Königsberg. – Kr. Neidenburg
Neidenburg
polnisch Nidborku, gelegen an dem eine Viertel-
stunde davon im „Schloßwäldchen“ entspringenden
Flüßchen Neide, also Burg an der Neide, verdankt
seine Entstehung, dem angrenzenden um 1300
gegründeten Ordensschlosse. x) Daß diese jetzige
königliche Kreisstadt schon im J. 1355 bestanden
habe, wird aus dieser Jahreszahl geschlossen, welche
auf den alten Stadtsiegeln steht, von denen jedoch
Abdrücke nicht vorliegen. Alle alten Nachrichten
sind bei einem großen, die ganze Stadt in Asche
legenden Brande im J. 1804 zu Grunde gegangen,
x) Über die Entstehung der Stadt vgl. Voigt, Gesch. Preußens 2, 406; über die ehemaligen Rechtsverhältnisse ebd. 6, 593.

Burgansicht von 1602

Ansicht der Burg nach de Kemp 1602

Teil 2

und die vorhandene Stadtchronik beginnt erst mit
dem J. 1801. – Östlich und zum Theil westlich befindet
sich eine alte, ursprünglich 18 Fuß hohe Feldsteinmauer,
welche ursprünglich die ganze Stadt umgab, aber
nach dem Brande bis auf 12 Fuß abgetragen wurde, da
die oberen Schichten schadhaft waren. Gegenwär-
tig ist die Mauer zumeist im Verfall begriffen,
doch sind einzelne Theile derselben mit den alten
Wikhäuschen an mehrere Bürger verkauft, welche
für die Unterhaltung sorgen müssen.

Teil 3

Unweit der Stadt auf der Grenze
des städtischen und des Schloßgebietes be-
findet sich ein „großer Stein“ ( auch
gemeinhin so benannt), dessen über
der Erde liegender Theil 22 Fuß Länge,
12 Fuß Breite, 5 3/4 Fuß Höhe und 57 Fuß im
Umfange mißt. Auf demselben soll
im Schweden-Kriege der Anführer
des schwedischen Belagerungsheeres
sich niedergelassen und zu Mittag ge-
gegessen haben und bei dieser Gelegenheit
durch einen Kanonenschuß von dem
2050 Schritt entfernten Schlosse getroffen
worden sind. Hierauf zog der Feind ab.

Anmerkung:
Kurfürst Friedrich Wilhelm als Herzog von Preußen und Lehnsträger des polnischen Königs Johann Kasimir versuchte anfangs sich aus dem schwedisch-polnischen Krieg (1654-1660) herauszuhalten und neutral zu bleiben. Aber schon 1655 zogen Truppen des schwedischen Königs Karl Gustav plündernd durch das Land. Preußen überhaupt und Masuren insbesondere hatten dadurch manches zu leiden. Insofern ist es denkbar, dass auch Truppen des schwedischen Königs während dieses Krieges die Stadt besetzt hielten bzw. belagerten, zumal im benachbarten Städtchen Soldau der König im Winter 1655/56 zeitweise sein Hauptquartier hatte. Aber die Sage vom „großen Stein“ bzw. vom „Tatarenstein“ wird meist so wiedergegeben, dass nicht ein Anführer schwedischer Truppen (wie im Fragebogen vom damaligen Bürgermeister angegeben) sondern ein Anführer der Tataren, die 1656 mit furchtbaren Verheerungen durch Masuren zogen, durch die vom Schloß abgefeuerte Kanonenkugel getötet wurde.
Tatarenstein

Tatarenstein bei Neidenburg

Teil 4
Fußnote 2

A. Die evangelische Pfarrkirche königlichen
Patronats, deren Pfarrer den Titel eines lu-
therischen Propstes führte. Sie wurde bei
dem Brande von 1804 ein Raub der Flammen
und ist im J. 1818 auf königliche Kosten  und
des Bürgers und Landmanns Hilfe wieder auf-
gebaut. Das Gebäude ein Viereck von 134×52 Fuß
dessen Längenaxe von Nord nach Süd gerichtet
erscheint, ist nach dieser unkirchlichen Orientierung
zu schließen, sicher eine vollständiger  Neubau
und zwar aus Ziegeln im Abputz. Nur der qua-
x) Damals mag auch das Altargemälde zu Grunde gegangen sein, welches der Hochmeister Konrad von Jungingen (um 1407) der Kirche geschenkt hatte. Vgl. Voigt, Gesch. Preußens 6, 399.

Teil 5

dratische Thurm, welcher, mit seinen beiden Gie-
beln nach Westen und Osten schauend, sich an der
östlichen Langseite der Kirche befindet, scheint
in seinen Mauern noch alt zu sein. Das Innere
der mit ihrer Doppelreihe viereckiger Fenster
einem Wohnhaus ähnlichen Kirche ist durch zwei
Reihen von vierseitigen Holzpilastern, in drei
Schiffe getheilt; der Mittelraum ist flach bedeckt
die Seitenschiffe mit den Emporen bogig. Die
Bedachung ist gut.

Teil 6

Über dem Altar befindet sich
eine Kreuzigung Christi, Ölgemälde
von Professor Knorre in Königsberg,
etwa vom J. 1820. – Im Fußboden der
Kirche, in der Nähe des Altars,
liegen drei alte Leichensteine
mit vielen Inschriften: sie rühren
noch aus der abgebrannten Kirche
her. – Drei Glocken . – Heilige
Gefäße aus Silber von 1657, 1663, 1676
und 1724. – Das Kirchensiegel zeigt
eine Kirche.

Teil 7

B.1. Das Schloß, auf einem 50 Fuß hohen Berge
von den Rittern um 1300 erbaut und mit
zwei Thürmen, auch mit einem sehr alten,
jetzt erneuerten Brunnen. x) Es
war schon im vorigen Jahrhundert Sitz der
Justizbehörde, jetzt des königl. Kreisgerichts. –
Das dazugehörige frühere Domainen-Vorwerk
ist neuerlich in Privatbesitz übergegangen.

Teil 8Fußnote 3

2. Das s. g. Schlößchen, ein sehr alter, an der
Stadtmauern gelegenes Gebäude, welches zur Or-
denszeit der Sitz der Schulzerei gewesen sein
soll, später eine Zeit lang Synagoge war und
jetzt einem jüdischen Kaufmann gehört.
3. Ein Hospital.
x) Über die Schicksale der Burg im XV. Jahrh. vgl. Voigt, Gesch. Preußens 8, 408; 9,18; auch 7, 78.

Anmerkungen:
In alter Zeit befand sich der Kirchhof auf dem Töpferberge südlich außerhalb der Stadtmauer. Hier stand schon vor der Reformation eine kleine Kirche, von der noch Anfang des 19. Jahrhunderts das Fundament vorhanden war. *) Nach alten Ansichten aus dem 16. und 17. Jahrhundert befand sich auch eine Kirche innerhalb der Stadtmauern. Sie war auf der Westseite, etwas vorspringend in die Stadtmauer eingefügt. Diese Kirche wurde nach Dehio-Gall Ende des 14. Jahrhunderts gebaut **) und war um die Mitte des 16. Jahrhunderts sehr baufällig. Die Stadt beantragte 1579 zu ihrer Herstellung eine Beihilfe von 20000 Ziegeln ***). Unter Vermittlung des Bischofs von Pomesanien Johannes Wigand und dem Schloßhauptmann Nickel von Wittmannsdorff wurde sie im Jahre 1580 wieder in Stand gesetzt. In einer Verfügung vom 23. Januar 1583 ordnete Markgraf Georg Friedrich zum Bau der Kirche einen zweiten Zuschuss in Höhe von 5 Groschen von jeder Hube (Hufe) an.
Ansicht der Neidenburg

Ansicht von Westen
Zeichnung von C. Steinbrecht nach einem Plan von C. Hennenberger 1584

Im Jahr 1664 ist das Kirchengebäude bei einem großen Feuer untergegangen. Die Kirche wurde wiederaufgebaut. Die Mittel dazu kamen aus der Kirchenkasse und dem Decem (Steuer in Form von Geld oder Naturalien). Das Dach war anfangs nur mit Schindeln gedeckt . Auch diesmal trat später die Regierung helfend ein. Am 13. Januar 1689 schenkte sie der Stadt zum Bau des Kirchturms 5000 Ziegel und ebensoviele Dachpfannen.
Beim großen Brande im Jahre 1804 wurde auch die Kirche in Schutt und Asche gelegt. ****). Kurz danach wurde die Stadt Neidenburg durch die Durchzüge napoleonischer Truppen in den Jahren 1806 – 1807 und 1812 schwer belastet. Die Kirche konnte erst ab 1819 in den alten massiven Ringmauern wieder hergestellt werden. In der Zwischenzeit wurden die Gottesdienste im Rathaus  oder gelegentlich auch im Remter des Schlosses, trotz der schadhaften Fenster, durchgeführt.
Zu den Baukosten wurden von der königlichen Kasse 8330 Reichsthaler 69 Groschen und freies Bauholz aus dem königlich Napiwodaschen (Grünfließer) Forst im Werte von 876 Reichsthalern 60 Groschen gegeben. Die Hand- und Spanndienste leisteten die Stadt- und Landgemeinden.
Kirche vor 1914

Die alte Kirche vor 1914

Im ersten Weltkrieg wurde die Kirche schwer beschädigt. Sie konnte erst nach dem Krieg in den Jahren 1920-1924 wieder aufgebaut werden.
Kirche nach 1924

Die Kirche nach dem Wiederaufbau 1924

Im Kirchturm der wieder aufgebauten Kirche befand sich eine Glocke mit der Inschrift:

Anno Domini 1633. Felix Kikoll die Zeit Hauptmann auf Neidenburck. Goss mich Niklas Schmidichen.

Diese Glocke wurde im zweiten Weltkrieg 1942 zum Einschmelzen für Kriegszwecke demontiert und landete auf dem Glockenfriedhof in Hamburg. Bemerkenswert ist, dass sich in der Kirche in Gardienen um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Glocke mit derselben Inschrift und ungefähr demselben Durchmesser (2 Fuß ca. 63 cm) befand.

1945 blieb die Kirche in Neidenburg erhalten und ist heute die katholische Kirche der Stadt. Die frühere katholische Kirche wurde 1858 bis 1860 im neugotischen Stil gebaut. 1890 erhielt sie einen Chor und Westturm. Heute ist sie die evangelische Kirche der Stadt.

alte katholische Kirche

Die alte kath. Kirche und heutige ev. Kirche

Die Glocke aus der ehemaligen ev. Pfarrkirche in Neidenburg gelangte um 1955 nach Berenbostel und hängt heute im Glockenturm der Silvanusgemeinde in Berenbostel. Frau Pastorin Gabriele Brand hat anläßlich des Neidenburger Heimattreffens 2016 in Berenbostel im Geleitwort des Gemeindeblattes der evangelisch-lutherischen Silvanusgemeinde die Geschichte der Glocke beschrieben.
Geleitwort des Gemeindeblattes der Silvanusgemeinde (Juli – Sept. 2016)

______________________
*) Schimmelpfennig, Notizen aus der älteren und neueren Zeit der Stadt Neidenburg in Beiträge zur Kunde Preußens, Bd. IV, Königsberg 1821, S. 230 ff.
**) Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler West- und Ostpreußen, bearbeitet von Michael Antoni, München 1993, S. 432
***) Julius Gregorovius, Die Ordensstadt Neidenburg in Ostpreußen,
Marienwerder 1883, S. 95
****) Gregorovius, a.a.O., S. 145 ff.