Scharnau

In  Johann Friedrich Goldbecks Schrift “Volständige Topographie vom Ost-Preußischen Cammer-Departement“ aus dem Jahre 1785 wird Scharnau als ein königliches Dorf mit einer Kirche, nebst einer unweit vom Dorfe gelegenen Cölmischen Mühle und 42 Feuerstellen (Haushaltungen) bezeichnet. Es gehörte zum Hauptamt Soldau (S.164).

Das Kirchengebäude

Die Auswertung des Fragebogens zur Kirche in Scharnau von Pfarrer Otte:
Auswertung Teil 1a
In heute üblicher Schreibweise:

R.B. Königsberg – Kr. Neidenburg
Scharnau
Königliches Dorf; polnisch Sarnowo, von Sarna= das Reh.
Die evangelische Kirche königlichen Patronats,
ursprünglich eine Mater, jetzt mit Saberau
verbunden. Über die Stiftung derselben fehlen
die Nachrichten; doch gilt für ausgemacht, daß
das vorgefundene Gebäude aus der Zeit vor
der Reformation stammt. Es ist ein Holzbau,
zusammengefügt aus dem bebeilten Kern über
einander gelegten Baumstämme („Gehrsaß“ genannt).

Auswertung Teil 1b

Die Grundform bildet ein Oblongum von 60×30 Fuß
bei 16 Fuß Höhe der Wände,welche, da sie aus dem
Lothe gewichen waren, um das J. 1820 von
außen mit Stützen versehen wurden, die
dem Gotteshause ein widriges Ansehn geben.
Deshalb wurde die Kirche im J. 1848 gerade
gerichtet, von jeder Langseite mit 4 starken
Zangen befestigt und mit Brettern verschalt,
wobei es sich erwies, daß das alte Wandholz
noch ganz gesund und sehr dauerhaft war.

Auswertung Teil 2

Der ebenfalls hölzerne und verschalte Turm
steht an der Westseite: er ist von unten bis
oben viereckig und endet mit einem ebenfalls
vierseitigen pyramidalen Dache.- Die Fenster
sind seit 1848 rundbogig, waren aber ur-
sprünglich rechteckig. Damals wurden auch
die Wände innerlich mit Lehm beworfen und
samt der Brettdecke geweißt. Das mit
Pfannen gedeckte Dach befindet sich in gutem
Zustande.- Die Sacristei ist ein massiver Anbau
an dem Ostende der Südseite.

Anmerkungen:
Oblungum ist die lateinische Bezeichnung für ein Rechteck.
GehrsaßDie älteste und aufwendigste in Preussen vorkommende Holzbauweise war der Blockwandbau. Im Lande sagte man dazu „in Gehrsaß bauen“ . Bei dieser Art der Konstruktion liegen sämtliche Hölzer waagrecht, und zwei aufeinander stoßende Wände des Hauses werden so ausgeführt, daß die Lagerfugen zweier Stämme der einen Wand immer auf die Mitte eines Stammes der anderen Wand treffen. Die Verbindung an den Ecken erfolgt durch schwalbenschwanzartige Verbindungen (s. nebenstehende Abb.). Durch die schrägen Verzahnungen entsteht eine sehr stabile wie auch optisch schöne Holzverbindung.
Das Kircheninnere
Auswertung Teil 3

Altar und Kanzel bilden ein mit
Schnitzereien im Zopfstil verziertes Ganzes.
Von den drei Glocken ist die größte um
1714; die beiden anderen sind ohne In-
schrift.- Die Orgel im Jahr 1851 aus der
Kirche zu Haffstrom bei Königsberg ge-
kauft, da sie den dortigen Bedürfnissen
nicht mehr genügte , hat ein reiches
und geschmackvolles Renaissance
Gehäuse. – Der silberne Kelch und das
Kirchensiegel sind im Kriege 1806/7
gestohlen worden.
In der Sakristei befindet sich ein
“katholischer Beichtstuhl“, aus starken
eichenen Bohlen.

Auf die Frage „Was für ein Aufsatz steht auf dem Altare?“ hat Pfarrer Braun, der den Fragebogen ausgefüllt hat, folgende Antwort gegeben:

Der Aufsatz ist von Holz und besteht aus 2 gewundenen, nach oben etwas spitz zulaufenden versilberten Säulen, in deren Mitte sich die Kanzel befindet. Der Altaraufsatz hat 2 Flügel, die Schnitzwerk in Laub darstellen. Zwischen der rechten Säule (wenn man auf dem Altar mit dem Gesichte nach dem gegenüberliegenden Orgelchor steht) und dem rechten Flügel ist Moses mit den beiden Gesetzestafeln und auf der linken Seite der Apostel Petrus mit dem Himmelsschlüssel.

Dieser Altaraufsatz ist das einzige Teil, das von der Innenausstattung der alten Kirche in die heutige Zeit herüber gerettet werden konnte. Er ist immer noch vorhanden, allerdings ohne die ursprünglich vorhandene integrierte Kanzel.
Kircheninneres

Kircheninneres im Juni 2018

Die Kirche hatte drei Glocken, von denen die größte folgende Inschrift enthielt:
Glockeninschrift
Die Inschrift ist dreigeteilt und enthält inhaltlich:

auf der einen Seite
Im Jahre des Herrn 1714
Regent Friedrich Wilhelm
König in Preußen
und
Statthalter von Soldau
F. C. Burggraf und …
von Dohna
… Glocke …
auf der anderen Seite
gegenwärtiger Inhaber des
Scharnauer Pastorates
Michael Neumann
Oben am Rande rund rund herum
Allein zur Ehre Gottes. Andreas Doerling hat sie gemacht.
Königsberg im Jahre 1714.

Die alte Kirche in Scharnau war „in Gehrsaß gebaut“ (s.o.) und wurde wohl schon in der Zeit vor der Reformation erbaut. Zum Bau soll dazu Holz von starken Fichten, die auf dem benachbarten Schönwieser Feld gestanden haben, verwendet worden sein. Die Bohlen wurden damals noch aus dem ganzen Stamme gezimmert und bebeilt, so dass sie nur Kernholz enthalten haben. Als die Kirche 1848 renoviert wurde, stellte man fest, dass das alte Wandholz sehr dauerhaft und noch ganz gesund war. Der ursprüngliche Charakter der äußeren Erscheinung des Kirchenschiffes ist aber zu dieser Zeit dadurch verändert worden, dass die Wände zum Wetterschutz außen senkrecht mit Brettern verschalt wurden (s. untenstehende Abbildung).
Kirche um 1900

Kirchengebäude um 1900

Der Turm der Kirche war eine mit Brettern verschalte Fachwerkskonstruktion. Die Sacristei, die 1780 angebaut wurde, war massiv. Sie befand sich am Ostende der Südseite. Die Vorhalle an der Nordseite war eine Fachwerkskonstruktion mit vermauerten Fächern.
Grundriß

Grundriß der Kirche um 1900

Trotz der 1848 durchgeführten Renovierung verfiel die Kirche allmählich. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde schließlich ab 1910 auf einem Stück des Pfarrgartens eine neue Kirche errichtet und 1912 eingeweiht. Im November 1914 wurde sie durch Kampfhandlungen erheblich beschädigt, aber bald wieder instand gesetzt. Das ursprünglich vorhandene spätgotische Gestühl (um 1560) mit Flachschnitzerei ist 1945 zerstört worden.
In den Jahren 2007-2015 wurde die Kirche renoviert und zählt jetzt mit zu den stattlichsten und schönsten Kirchen im Kreisgebiet.
Kirche im Jahre 2018

Die Kirche im Juni 2018

Literatur:
Richard Dethlefsen – Bauernhäuser und Holzkirchen in Ostpreußen,
Berlin 1911