Soldau

Die Auswertung des Fragebogens zu Soldau von Pfarrer Otte:
Teil 1
In heute üblicher Schrift:

R.B. Königsberg. – Kr. Neidenburg
Soldau
polnisch Dzialdowo, königl. Immediatsstadt am
Flüßchen Soldau, welches aus sich eine 1/4 Meile östlich davon
vereinigenden Bächen Skottau und Neide entstehend,
dicht bei der Stadt in und durch die s.g. Dzialdowka (den
Soldauer See oder Mühlenteich) fließt x). Veranlassung
zu ihrer Gründung im XIV. Jahrh. gab die daselbst befindliche
Ordensburg und der Hochmeister Ludolf König, Herr
von Weizau, ertheilte 1344 der Stadt das erste Privi-
legium. Nach der Tannenberger Schlacht im J. 1410
wurde Soldau von Jagiello eingenommen xx). Im Jahr 1630

Teil 2

empfing hier Gustav Adolf von Schweden eine türkisch-
russische Gesandschaft. Im XVIII. Jahrh. wurde die Stadt
dreimal durch Feuer heimgesucht und bei dem Brande
von 1794 blieb fast nur das Schloß verschont. Mit sämmtlichen
Gebäuden gingen damals auch alle Archivalien zu Grunde,
und was von Documenten auf dem Schloße erhalten geblieben
war, kam während desr französischen Occupation und bei
Gelegenheit des blutigen Gefechtes vom 25. December
1806 abhanden. Die städtische Chronik wurde demnach erst
im J. 1808 angelegt. – Der östliche Theil der Stadt war von
einer aus Ziegeln erbauten starken Mauer begrenzt,
von der jetzt nur noch wenige Stücke vorhanden sind;

Teil 3

insoweit dieselben die alte Ritterburg begrenzen, ist
deren Erhaltung Sachen des Fiscus.

Das Magistrats-Siegel zeigt ein
Bild der h. Katharina

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x) Dieser See ist im J. 1847 auf Staatskosten entwässert
und dadurch in fruchtbares Ackerland verwandelt worden.
xx) Die Stadt war schon 1409 bei einem Einfalle der Lithauer und Russen ausgebrannt worden. Vgl. Voigt Gesch. Preußens 7, 51.

Anmerkung:
Im Jahre 1630 landete der schwedische König Gustav Adolf im dreißigjährigen Krieg mit einer starken Armee in Pommern. 1632 wurde er in der Schlacht bei Lützen getötet. Als seine Nachfolgerin Königin Christine, eine Tochter von Gustav Adolf, am 16. Juni 1654 abdankte, machte der polnische König Johann II. Kasimir, ein Urenkel des schwedischen Königs Gustav I. Wasa und letzter lebender Wasa, Ansprüche auf den schwedischen Thron geltend. Im darauf folgenden Polnisch-Schwedischen Krieg (auch zweiter Nordischer Krieg genannt) hatte der schwedische König Karl Gustav, der Nachfolger von Königin Christine, im Winter 1655/1656 sein Hauptquartier zeitweise in Soldau und empfing im Schloß eine türkische Gesandtschaft. Es war also nicht wie im Fragebogen angegeben König Gustav Adolf sondern König Karl Gustav der hier sein Hauptquartier aufschlug.

Schloßruine

Schloßruine um 1881 nach C. Steinbrecht *)

Teil 4

A. Die evangelische Pfarrkirche königlichen
Patronats, deren Neubau nach dem Brande
von 1794 im J. 1796 begonnen wurde, anscheinend
mit mindestens theilweiser Beibehaltung der
alten Mauern, wie dies aus den Eckstrebepfei-
lern, die mittelalterlich aussehen, gefolgert
werden kann. Die Kirche bildet ein Rechteck
von 106 Fuß x 53  Fuß mit zwei Vorbauten von 28Fuß x 10 Fuß in
der Mitte beider Längsseiten. Der sicherlich noch
alte Thurm mit seinen 8 Fuß dicken Mauern
ein Viereck von 30 Fuß x 33 1/2 Fuß, steht vor der nörd-
lichen Hälfte der Westfront, ohne innere Ver-

Teil 5

indung mit der Kirche. Er hat zwei von
kleinen Spitzbogenöffnungen durchbrochene
Stockwerke, übersteigt die etwa 50 Fuß betragende
Firsthöhe des Kirchendaches und schließt mit
einem in der Mitte abgesetzten niedrigen
vierseitigen Dach. Die Eingänge zur Kirche
liegen in den frontenartig aufsteigenden,
erwähnten Seitenvorlagen, in welchen sich

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die Treppen zu den Emporen befinden. Das
Material sind Ziegel im Abputz. Das Innere
wird durch zwei Reihen vierseitiger Holz-
pilaster gewissermaßen in drei Schiffe getheilt.
Die mit den Emporen versehenen Seitenschiffe
sind flach bedeckt, der Mittelraum aber ist
mit einem bretternen Tonnengewölbe über-
spannt. Eine unumgänglich nothwendige
Dachreparatur stand in J. 1855 bevor. Die

Teil 7

Sakristei ist ein Anbau mitten an der Ostseite.

Die innere Einrichtung hat nichts
Bemerkenswerthes. Den zopfigen
Altarbau, der zugleich die Kanzel ent-
hält, schmückt eine von Müller in Elbing
1840 gemalte Grablegung Christi. – Die
3 Glocken von1797 sind inschriftlich Geschenke
Königs Friedrich Wilhelm II. – Die
Orgel hat kein Pedal. – Vier schlichte
silberne Kelche mit Patenen. – Zwei
Kirchensiegel: das größere eine an-
sprechende Arbeit aus dem XVIII. Jahrh.,

Teil 8

zeigt nach Luc. 13, 8-9 einen den Fei-
genbaum umgrabenden Gärtner,
mit der Devise: Umgrabe ihn. Das
andere Siegel mit der Abbildung ei-
ner Kirche ist umso schlechter.

B. 1. Das Schloß auf einer Anhöhe östlich an der
Stadt erbaut, soviel bekannt im J.1307; Ziegel
im Rothen und gothischen Styls. Es ist davon in-
deß nur noch ein Hauptflügel vorhanden, welchem

Teil 9

jedoch theilweise der Einsturz droht,indem durch
Wettereinschlag eine Senkung eingetreten ist.
Die Ringwände sind aber sonst noch gut, und
die wünschenswerthe Wiederherstellung (eine
Sache des Fiscus) wäre nicht schwer. Das
Innere enthält zwei größere, schön überwölbte
Räume, von denen der eine, angeblich die
ursprüngliche Schloßkapelle, 42 1/2 Fuß lang, 24 1/2 Fuß

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breit und 19 Fuß hoch, mit 12 Fuß hohen Spitzbogenfenstern
versehen ist, im vorigen Jahrhundert als un-
nierte Kirche diente und jetzt jährlich einige male
einen auswärtigen katholischen Geistlichen zum
gottesdienstlichen Gebrauche überlassen wird. Ein
dritter überwölbter Raum ist 1851 wegen Baufäl-
ligkeit eingerissen und umgebaut worden, indem
der Grundpfeiler unfest erschien. Die unteren
Gewölbe und Keller, welche noch sehr gut er-
halten sind, wurden zu Holz- und Kartoffel

Teil 11

Niederlagen benutzt. – Das Schloß war zur Ordens-
zeit Sitz eines Vogts oder Pflegers, und von
den ehemaligen Vögten sind noch Jobst Truchses
von Wetzhausen (aus einer Urkunde von 1313,
s. Saberau) und Herrmann Kopp bekannt. –
Von der früheren Ringmauer der Burg ist immer-
noch der Rest eines Thurmes übrig. – Das ehe-
malige Domainen Vorwerk (jetzt Privatbesitz)
Niederhof soll der Sage nach früher mit dem
Schlosse durch einen unterirdischen Gang verbunden

Teil 12

gewesen sein, der jetzt wenigstens nicht mehr
mit Bestimmtheit nachzuweisen ist.

In der Schloßkapelle befindet sich ein
mit Gemälden geschmückter Altar
und ein schlichter runder Taufstein.

2. Das Rathaus erbaut 1796
3. Ein königliches Hospital.

Nachschrift: Nach Henneberger und Hartknoch soll das Städtchen Soldau erst 1349 von dem Hochmeister Dusmer von Arffberg erworben sein. Vgl. Voigt Gesch. Preußens 5, 78.

Anmerkungen:
Über die Baugeschichte der Kirche ist aus alter Zeit wenig bekannt. Mauerreste eines Baues aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden gefunden. Sie wurden beim Neubau der Kirche im Jahre 1796 benutzt **). Alle Urkunden sind beim Tartareneinfall 1656 verbrannt. Vermutlich wurde die Kirche in katholischer Zeit der heiligen Katharina geweiht ***). Die Stadt führt die heilige Katharina im Wappen, auch gab es einmal eine Straße zur Kirche, die Katharinenstraße genannt wurde.

Stadtsiegel

Stadtsiegel aus dem 14. Jahrhundert

Nach der Reformation führte Bischof Speratus 1534 eine Visitation durch. Zu diesem Zeitpunkt war die Kirche schon sehr verfallen. 1692 wurde sie neu gebaut. Aber schon 1720/22 war eine umfangreiche Reparatur erforderlich. 1733 brannte die Kirche nieder. Ein Bild von ihr oder ein Grundriß ist nicht erhalten. Bis zum Wiederaufbau vergingen einige Jahre. Die Gemeinde nutzte während dieser Zeit die Kapelle im Schloss für ihre Gottesdienste.
Der Neubau war 1740 beendet. Die Kuppel des Kirchturms war mit Eichenschindeln gedeckt. Auf der Spitze des Turms befanden sich Adler und Sonne aus verzinntem Blech. Geld für Orgel und Glocken war nicht mehr vorhanden. Erst 1762 erhielt die Kirche eine Glocke, welche ihr der Bürger Jakob Brzeski schenkte. Sie wurde vom Glockengießer Copinus aus Königsberg gegossen. Beim großen Stadtbrand von 1794 brannte die Kirche abermals nieder. Gerettet wurden nur die Tauf-, Trau- und Sterberegister sowie vier silberne Kelche, eine silberne Kanne, zwei Patenen und eine Taufschale.
Eine neue Kirche war schon 1797 im Rohbau fertig. Im Wesentlichen wurde sie auf den alten Fundamenten, also auch mit denselben Maßen aufgebaut. Nur zwei Vorhallen an den Längsseiten wurden hinzugefügt. Die Innenarbeiten wurden 1798 ausgeführt. Die Orgel wurde vom Orgelbauer Wilhelm Scherweit aus Königsberg gebaut. Die Glocken vom Königsberger Glockengießer Christian August Copinus gegossen. Ein Altargemälde vom Maler und Zeichenlehrer Carl Müller aus Elbing, die Grablegung Christi darstellend, wurde 1840 aufgestellt.
1856 erklärte der aus Neidenburg stammende damalige Pfarrer Alexander Friedrich Franz Elgnowski (er hat vermutlich den Fragebogen beantwortet) die Kirche für so verfallen, dass sie bald geschlossen werden müsste. 1857 wurden dann endlich die Kosten für die Wiederherstellung durch eine Umlage in der Gemeinde aufgebracht. Während der Renovierungsarbeiten fanden die Gottesdienste im Schloß statt. Bei den Wiederherstellungsarbeiten wurde eine Vorhalle abgebrochen, da sie die Straße zu sehr einengte, und die Chöre abgebrochen. Im Herbst 1858 konnten die Gottesdienste wieder in der Kirche abgehalten werden und am Geburtstag des Königs (Friedrich Wilhelm IV.), am 16. Oktober 1859 wurde die erneuerte Kirche feierlich eingeweiht.
1872 wurde der Turm um zwei Stockwerke erhöht und erhielt eine hoch ausgezogene, mit Schiefer gedeckte Spitze mit einem 2 1/2 m hohen vergoldeten Kreuz aus Eisen. 1873 wurde die Orgel umgebaut und im Jahre 1900 eine neue Orgel vom Orgelbauer Wittek in Elbing errichtet. 1899 wurde die Kirche durch Malermeister Pohlmann aus Neidenburg neu ausgemalt, 1904 eine Niederdruck-Dampfheizung eingebaut.

Kirche nach 1872

Die Kirche nach 1872

Bei den schweren Kämpfen in Soldau am 29.8.1914 wurde die Kirche zerstört. Nur ein Teil der Außenmauern blieb stehen. Von der Ausstattung konnte nichts gerettet werden.

Kirche 1914

Die Kirche 1914

Die Gottesdienste wurden zunächst unter freiem Himmel auf dem Kirchhof, dann in der städtischen Turnhalle und seit dem Sommer 1915 in dem alten Remter und der ehemaligen Kapelle des Schlosses abgehalten, die bisher als Getreidespeicher gedient hatten. Mit Zustimmung des Provinzialkonservators wurde dazu die Wand zwischen diesen beiden Räumen durchbrochen.
Alle Vorarbeiten für den Neubau wurden getroffen. Ein Entwurf für den Neubau wurde vom Bezirksarchitekten Kahm erstellt. Der Kostenvoranschlag belief sich auf 365 000 Mark von denen 300 000 als Kriegsschaden ausgewiesen wurden. So wenig dachte man an eine Abtretung Soldaus, dass noch im Dezember 1919 das Neidenburger Hochbauamt die Regierung in Allenstein bat, 4150 Mark zur Beschaffung von Glocken auszuweisen. Die Bestimmungen des Versailler Vertrages, nach denen das Soldau-Gebiet ohne Volksabstimmung an Polen abgetreten werden musste, machte allen Planungen zunächst ein Ende.
Der polnische Staat hatte sich bei der Übernahme Soldaus zur Wiederherstellung aller kriegsbedingten Gebäude verpflichtet. In Polen hatte man vor der Zeit der Abstimmung noch die Hoffnung, die evangelischen Masuren für sich zu gewinnen zu können und die polnischen Staatsbehörden genehmigten sehr rasch einen Voranschlag, der Kosten in Höhe 376000 Zloty vorsah. Nach dem für Polen ungünstigen Ausgang der Volksabstimmung 1920 kam die Angelegenheit ins Stocken. Es gab große Schwierigkeiten mit der Finanzierung und der Baufortschritt verzögerte sich. Erst im Frühjahr 1927 wurde unter der Leitung des Architekten Pitt aus Posen mit dem Bau begonnen. Am 30.11.1930 wurde die Kirche feierlich eingeweiht. Bei der Einweihung durch Superintendent Barczewski waren die Generalsuperintendenten Blau – Posen, Gennrich – Königsberg, Superintendent Gettwart – Neidenburg, und auch ein Vertreter der polnischen Regierung sowie der Starost Plackowski und der Bürgermeister Felske anwesend.

Kirche 1930

Die Kirche nach 1930

Die Arbeiten wurden zum großen Teil von Soldauer Firmen ausgeführt: die Maurer und Zimmerarbeiten von Bauunternehmer Dorowski und Maurermeister Grzeszczyk die Tischlerarbeiten mit schönem Schnitzwerk von Tischlermeister Bannasch, die Malerarbeiten von Malermeister Pannek und die Verglasung von Glasermeister Balewski. Die Glocken hat die Danziger Werft gegossen. Die Orgel hat der Orgelbauer Goebel aus Danzig gebaut.
Beim Neubau hat man sich im Allgemeinen an das Vorbild der alten Kirche gehalten: Tonnengewölbe aus Holz, Längsemporen zu beiden Seiten, Orgelempore an der einen Schmalseite, Kanzel über dem Altar. Die Eingänge befinden sich nicht mehr an den beiden Längsseiten, sondern an der dem Marktplatz zugekehrten Schmalseite. Auch der Turm hat nicht die Spitze von 1872 wiedererhalten, sondern eine Haube ähnlich der vom Jahre 1797. Der schlichte, klare Bau mit seinen barockähnlichen Formen hat den II. Weltkrieg überstanden und ist bis heute eine Zierde der Stadt.

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*) C. Steinbrecht, Die Baukunst des Deutschen Ritterordens in Preussen
IV. Die Ordensburgen der Hochmeisterzeit, Berlin 1920
**) Kurt Stern – Die Kirchenverhältnisse im Kreis Neidenburg – im Buch „Kreis Neidenburg“ das 1968 von der Kreisgemeinschaft herausgegeben wurde (S. 72)
***) Fritz Gause – Geschichte des Amtes und der Stadt Soldau – Hamburg 1998, S. 140 ff.