Usdau

Die Auswertung des Fragebogens zur Kirche in Usdau von Pfarrer Otte:
Teil 1
In heute üblicher Schrift:

R.B. Königsberg. – Kr. Neidenburg
Usdau
adliches Dorf, nach Goldbeck, Topogr. des ostpreuß. Cammer-
Departments S.196 im Besitz verschiedener adlicher
Einsassen und unter der Gerichtsbarkeit des Erb-
hauptmannes von Gilgenburg.
A. Die evangelische Mutterkirche unter
dem Patronate der Schloßherrschaft zu Gilgen-
burg, deren Gründung und Erbauung
dem Style des vorgefundenen Gebäudes noch
sicher ins Mittelalter fällt. Die Kirche, aus
Feldsteinen erbaut, hat die Grundform eines

Teil 2

Rechteckes von 63 Fuß x 38 Fuß und ist in Mauern 15 Fuß
hoch. Von der Mitte des Hauptgiebels erhebt sich
der quadratische Glockenthurm von 20 Quadratfuß Fläche
bis zu einer Höhe von 70 Fuß. Derselbe besteht
aus vier Geschossen; deren unteres, aus Feld-
steinen bestehend, den spitzbogigen Haupteingang
der Kirche enthält und auf den freien Ecken mit
Strebefeilern, die sich einmal schräg absetzen,
versehen ist. Die folgenden Stockwerke sind

Teil 3

aus Ziegeln und von ungleicher Höhe, so daß das
untere,  etwa mit dem Dachfirste der Kirche ab-
schneidend und an den drei freistehenden Seiten
mit zwei hohen Spitzblenden verziert , das
höchste ist. Das dritte Geschoß ist weniger hoch und
hat jederseits zwei hohe Spitzbogenfenster; das
oberst Stockwerk endlich ist das niedrigste und

Teil 4

und zeigt auf allen vier Seiten zwei flachbo-
gige Schallöffnungen. Die Bedachung besteht aus vier
Ziegelwalmen, die zu einer mäßig hohen Pyramide
ansteigen. In der Wetterfahne befindet sich die Jah-
reszahl 1685, das v. Finkensteinsche Wappen und
die Buchstaben E. F. v. F., mit Beziehung auf den da-
maligen Kirchenpatron, den Erbhauptmann
Ernst Fink v. Finkenstein auf Gilgenburg.
Die Kirche selbst ist ganz einfach und wird auf
drei Ecken von Strebefeilern zusammengehalten,
welche in der Diagonale weit vortretend sind

Teil 5

sich mit langer Schräge einmal absetzen. Die
vierte südöstliche Ecke hat wegen der sich hier südlich
anschließenden Sacristei keinen Strebefeiler.
In der Mitte der Nordseite befindet sich noch
ein Spitzbogeneingang mit später hinzugefügter
Vorhalle. Von den ursprünglichen Spitzbogenfen-
stern haben sich nur zwei erhalten; die übrigen
sind theils erweitert; theils ganz neu einge-
brochen. Das Äußere ist ohne Putz; innerlich
sind die Wände geweißt, das bretterne Tonnen-
gewölbe aber ist nicht abgefärbt. Das Pfannen-
dach ist dicht.

Skizze der Kirche

Grundriß und Skizze der Kirche
(vermutlich von Adolf Bernhard Gutowski. Er war ab 1848 Pfarrer der evangelischen Kirchen zu Usdau und Szczuplinen.)

Teil 6

Altar und Kanzel sind ein Ganzes
inschriftlich von 1740. – Ein Taufengel.
Zwei Glocken von 1599 und 1707. – Die
Orgel ist 1834 für alt angekauft. – Die
silbernen Kelche sind gestohlen. – Das
Kirchensiegel für Usdau und Gardienen
zeigt eine Kirche.

Kirchensiegel

Kirchensiegel

Anmerkungen:
Im Fragebogen wurden zum Inneren der Kirche und zu den Kirchengeräten folgende Antworten gegeben (in kursiver Schrift). Die Fragen wurden vermutlich von Pfarrer Bernhard Gutowski beantwortet, er war ab 1848 Pfarrer in Usdau.
Altaraufsatz
Unmittelbar über dem Altar ist die Kanzel; zu deren beiden Seiten sich Flügel befinden; auf dem einen steht in goldener Schrift der 17. Vers aus Offenbarung Johannis C ip 22; auf dem anderen Psalm 42 v. 3. Unter dem sehr schlecht in Wasserfarben gemalten Altarblatte, das Abendmahl darstellend, steht Anno 1740.
Kanzel
Von Holz über dem Altare, ein unvollendetes Sechseck. An den 3 Seiten steht Evang. Marius, Lucas, Johannes und darunter die Worte Rufe getrost, schone nicht, erhebe deine Stimme
( Jesaja 58, 1)
Taufe
Die messingene Taufschüssel steht auf einem hölzernen runden Tisch der einfach in Form und schwarz poliert ist. Ausserdem hängt vor dem Altare ein hölzerner Taufengel herab, der gewiß in früherer Zeit das Taufbecken hält und sich hinauf und hinab ziehen läßt.
Glocken
Zwei im Thurm.
Die größere hat 3 Fuß im Durchmesser, gewöhnliche Form und folgende Inschriften:
Si Deus pro nobis, quis contra nos. Anno Domini 1599. Mit Gottes Hilfe goss mich Gerdt Benningk zu Danzick. Nach Usdau.
Die kleinere hat 2 Fuß im Durchmesser und folgende Inschriften:
Sit nomen Domini benedictum. Fecit A.W. Gedani. Anno 1707.

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Si Deus pro nobis, quis contra nos bedeutet Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein?
Sit nomen Domini benedictum bedeutet Im Namen Gottes.

Die historische Glocke von 1707 befindet sich noch heute im Kirchturm. Sie wurde vom Glockengießer Absalon Wittwerk (1634–1716) in Danzig gegossen.
Orgel
Sie befindet sich in einem schaffartigen Behälter und steht über dem Eingange aus dem Thurm auf dem Orgelchor im Westen. Sie ist im Jahre 1834 für alt angekauft. Inschriften, Jahreszahlen, … befinden sich nicht auf derselben. Sie ist 7 Fuß hoch 5 F. breit.
Kirchengeräte
An Stelle des durch Diebstahl entwendeten silbernen Kelches nebst 2 Patenen ist ein Kelch und eine Patene von Neusilber vor etwa 1 1/2 Jahren der Kirche vom gütigen Patron geschenkt worden.
Seinerzeit war der Patron der Kirche Lieutenant Negenborn auf Schloß Gilgenburg. Er ersteigerte einen Teil des Güterkomplexes der Grafen von Finckenstein, der nach den Belastungen durch die napoleonischen Kriege und infolge der Stein-Hardenbergschen Reformen in Schieflage geriet und 1831 zwangsversteigert wurde.

Kirche

Die Kirche im Jahre 2014
Bild: “Creative Commons” von Ryszard Makszyński. Lizenz: CC BY-SA 2.5